Der Fachkräftemangel in der verarbeitenden Industrie ist keine rein schweizerische Herausforderung, sondern ein globales Nadelöhr. Doch während viele KMU hierzulande noch über den Mangel an Schweissern und Metallbauspezialisten klagen, zeigt ein US-amerikanisches Startup, wie radikale Automatisierung die Antwort darauf sein kann. Drei ehemalige SpaceX-Ingenieure haben dem Raketenbau den Rücken gekehrt, um die Fertigung von vermeintlich einfachen Stahlbauteilen mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) und Robotern zu revolutionieren.
Das neu gegründete Unternehmen mit dem geschichtsträchtigen Namen 1872 hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2027 eine Prototyp-Fabrik zu etablieren, die den Grossteil des Stahlherstellungsprozesses autonom abwickelt. Im Fokus stehen dabei zunächst sogenannte Stahlskids – robuste Rahmenkonstruktionen, die als Fundament für modulare Gebäude, KI-Rechenzentren oder dezentrale Kernreaktoren dienen. Was trivial klingt, birgt enormen geschäftlichen Mehrwert für die Industrie.
Pragmatische Autonomie statt dogmatischer Perfektion
Für Schweizer KMU-Inhaber ist die Philosophie von 1872-CEO Dan Summers besonders lehrreich: Er strebt keine 100-prozentige Vollautomatisierung an. "Wir steuern auf Autonomie zu, aber wir tun dies nicht dogmatisch", erklärt Summers. "Es kann sein, dass wir bei 80 Prozent autonomem Betrieb stoppen, weil der Grenznutzen für die verbleibenden 20 Prozent in keinem Verhältnis zum Aufwand steht."
Diese pragmatische Haltung – oft auch als Pareto-Prinzip der Automatisierung bezeichnet – schützt Unternehmen vor astronomischen Entwicklungskosten und langwierigen Projektschleifen. Gerade für Schweizer Betriebe mit begrenzten Budgets ist dieser Ansatz der Schlüssel, um schnelle, spürbare Effizienzgewinne zu erzielen.
Software als "Secret Sauce": Vom Triebwerk zum Stahlträger
Die Gründer bringen wertvolle Erfahrungen aus der Entwicklung des gigantischen Raptor-Triebwerks von SpaceX mit. Dort war intelligente Software das Bindeglied, um Konstruktionsänderungen quasi in Echtzeit in die physische Produktion zu überführen. Ohne diese digitale Infrastruktur wäre es unmöglich gewesen, ein komplexes Triebwerk innerhalb von nur drei Jahren zur Serienreife zu bringen – ein Prozess, der in der Luftfahrtindustrie normalerweise Jahrzehnte dauert.
Dieses Prinzip adaptiert das Startup nun für den Stahlbau. Die Softwarearchitektur basiert auf zwei tragenden Säulen:
1. "Architect" (Das Gehirn): Ein KI-gestütztes System, das digitale CAD-Konstruktionsdateien der Kunden direkt einliest. Die Software erstellt selbstständig den kompletten Fertigungsplan, kalkuliert die Preise und steuert die Materialbeschaffung. 2. "Conductor" (Der Dirigent): Diese Software orchestriert den gesamten physischen Ablauf auf dem Fabrikboden. Sie koordiniert autonome Transportfahrzeuge, die das Material bewegen, und steuert die Roboterarme an den Arbeitsstationen.
Die nackten Zahlen: 85 Prozent Kostenreduktion beim Schweissen
In Kooperation mit dem Robotik-Spezialisten Path Robotics demonstriert das Startup, welche wirtschaftliche Wucht die automatisierte Fertigung entfalten kann. Beim klassischen Lichtbogenschweissen hinkt der Mensch dem Roboter in puncto Netto-Arbeitszeit hinterher. Ein menschlicher Schweisser erreicht eine sogenannte "Arc-on"-Zeit (die Zeit, in der tatsächlich geschweisst wird) von lediglich 10 bis 12 Prozent. Die restliche Zeit geht für das Ausrichten der Werkstücke, Werkzeugwechsel und Messungen verloren.
Der Schweissroboter hingegen erzielt eine aktive Schweisszeit von rund 70 Prozent und erreicht beim ersten Durchlauf eine Qualitätsquote (First-Pass Yield) von 95 bis 100 Prozent. Die finanziellen Auswirkungen sind drastisch: Während das manuelle Schweissen pro Zoll Schweissnaht rund 0.78 US-Dollar kostet, sinken die Kosten beim Robotereinsatz auf gerade einmal 0.12 US-Dollar – eine Ersparnis von circa 85 Prozent.
Reale Anwendungsfälle für Schweizer KMU
Auch wenn Schweizer KMU keine Träger für Kernkraftwerke bauen, lassen sich die Prinzipien von 1872 nahtlos auf den hiesigen Markt übertragen:
• Modulbau und Infrastruktur: Schweizer Holz- und Metallbauunternehmen, die im Bereich des modularen Bauens oder bei der Infrastruktur für Schweizer Rechenzentren tätig sind, können durch standardisierte Roboterzellen ihre Durchlaufzeiten massiv verkürzen. * Automatisierte Angebotserstellung: Die Verknüpfung von CAD-Daten mit einer KI-Preiskalkulation (analog zum "Architect"-System) eliminiert langwierige Offertphasen. Schweizer KMU können Kunden damit Angebote innerhalb von Minuten statt Wochen unterbreiten. * Orchestrierung von Insellösungen: Oft scheitert die Automatisierung in KMU daran, dass Maschinen verschiedener Hersteller nicht miteinander kommunizieren. Die Verknüpfung über eine übergeordnete Software-Schnittstelle (wie das "Conductor"-Prinzip) ermöglicht einen nahtlosen Materialfluss ohne teure Spezialanlagen.
Automatisierungs-Takeaway
Der entscheidende Effizienzgewinn liegt nicht primär im schnelleren Schweissvorgang selbst, sondern in der Kombination aus Software-Vorbereitung und physischer Auslastung.
Während das reine Schweissen eines Rahmens nur wenige Stunden dauert, beansprucht das manuelle Vorbereiten und Zusammenbauen der Einzelteile oft vier bis fünf Tage. Durch die digitale Koppelung von Design und Produktion ("Architect") und die robotergestützte Fertigung lässt sich die Vorbereitungszeit um bis zu 80 Prozent reduzieren.
Für Schweizer KMU zeigt dieses Praxisbeispiel: Wer heute in intelligente Software investiert, die den Maschinenpark orchestriert, löst nicht nur das Problem des Fachkräftemangels, sondern sichert sich einen uneinholbaren Kostenvorteil im globalen Wettbewerb.
